Ausgabe 3/2021 ·

Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen steckt noch in den Kinderschuhen

Junge Frau genießt einen Waldspaziergang.
Nachhaltigkeit: Ein Begriff aus der Forstwirtschaft macht Karriere. ©candy1812 - stock.adobe.com

Das Thema „Nachhaltigkeit“ ist mittlerweile in aller Munde. Viele Menschen verbinden damit vor allem den ökologischen Aspekt. Doch Nachhaltigkeit fußt auf drei Säulen: Ökologie, Ökonomie und Soziales. Dies wurde auf einer Podiumsdiskussion im Rahmen des SpiFa-Fachärztetages deutlich.

In seinem Impulsreferat zum Thema „Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen“ erläuterte Prof. Dr. Uwe Demele von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, dass der Begriff „Nachhaltigkeit“ ursprünglich aus der Forstwirtschaft kommt. Ziel sei es, nur so viele Bäume zu entnehmen, wie man auch nachpflanzen kann. Damit sollen gegenwärtig und in Zukunft die ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Funktionen des Waldes bewahrt werden. 
Demele erklärte, dass die Motive für nachhaltiges Verhalten in vielen Bereichen dieser Richtschnur folgten – so auch im Gesundheitswesen. Wichtig seien

  • die ökonomische Effizienz,
  • der gesellschaftliche Beitrag. Hier stünden die Übernahme von Verantwortung für andere und die Schaffung eines krisenresistenten Gesundheitswesens im Mittelpunkt,
  • das Angewiesensein auf die Natur. Leitmotive seien intakte Ökosysteme, eine gesunde Umwelt und die Akzeptanz planetarer Grenzen,
  • das eigene Image. Glaubwürdigkeit und Vertrauen seien die Grundpfeiler für Nachwuchsgewinnung und -förderung. 

Letzteres konnte auch Dr. Andreas K. Gruber bestätigen. Er ist Leiter Public Affairs & Nachhaltigkeit bei der Deutschen Kreditbank AG (DKB). Er hat beobachtet, dass viele Mitarbeiter den Weg zu seiner Bank aus ethischen Überlegungen gewählt haben. Die DKB finanziere seit ihrer Gründung 1990 „nur das, was man zum Leben braucht“, so Gruber. Dazu zählten Projekte aus den Bereichen Bildung, Verkehr, Kommunen und Gesundheit. Branchen wie Waffen, Rüstung, Glücksspiel und Tabak seien tabu. Mit diesem Prinzip sei man gut durch die Corona- und Finanzkrise gekommen. 

Gruber warf die Frage auf, wie man Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen belastbar messen könne. „Es muss betrachtet werden, wie es den Mitarbeitern in Krankenhäusern geht. Fährt man Menschen auf Verschleiß, ist das nicht nachhaltig“, betonte Gruber die soziale Komponente. Seines Erachtens sei es außerdem wesentlich, dass die Gesundheit des Patienten im Mittelpunkt stehe.

Dauerbaustelle Gesundheitswesen

„Warum erleichtern wir nicht jungen Ärzten die Aufnahme von Krediten und die Finanzierung von Praxen, da diese auch dem Gemeinwohl dienen“, fragte Dr. Andreas Köhler, Ehrenpräsident (SpiFa) und ehemaliger KBV-Chef. Hierbei sei die Unterstützung der Banken nötig. Schließlich stellten die niedergelassenen Ärzte ihr eigenes Kapital für das gesellschaftliche Gemeinwohl zur Verfügung. 

„Das deutsche Gesundheitswesen ist eine Dauerbaustelle“, so Köhler weiter. Es stelle sich die Frage, wie man in dieser Baustelle Zukunftssicherheit und Nachhaltigkeit herstellen könne. „Dies hat bislang niemanden interessiert“, so der SpiFa-Ehrenpräsident. „Ich wünsche mir, dass wir das ganze Versorgungssystem unter nachhaltigen Gesichtspunkten betrachten.“ Die Diskussion sei derzeit zu stark rückwärtsgerichtet.

Menschen müssen mitziehen

Wieviel Auftrieb das Thema Nachhaltigkeit in der Wirtschaft bereits erfahren hat, berichtete Axel Kaiser, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Bundesverbandes für Nachhaltige Wirtschaft e.V. (BNW). Als der BNW 1992 gegründet wurde, wurden die ursprünglichen Gründer ausgelacht. „Es wurde nicht verstanden, dass Unternehmen auch nachhaltig wirtschaften können“, so Kaiser. Dies sei heute anders – zumindest bei vielen Unternehmern und Verbrauchern. Seine Kritik richtete sich vor allem gegen die Politik: „Die Regulatorik durch die Politik kann nur ein Teilbereich sein, auch die Menschen müssen mitziehen. Allerdings ist der Konsument viel weiter, als die Politik denkt, doch wir halten an Dingen fest, die unsinnig sind. Solange es rechnerisch günstiger ist, Dinge zu produzieren, die nicht nachhaltig sind, wird sich in der Wirtschaft nichts ändern“, so sein Fazit. 

Glaubwürdigkeit statt Greenwashing

Um im eigenen Unternehmen nachhaltige Strukturen zu etablieren, seien verschiedene Herangehensweisen möglich, erklärte Uwe Demele. Man könne einzelne Teilbereiche auf den Prüfstand stellen und auf Nachhaltigkeit überprüfen oder aber den Blick aufs große Ganze werfen. Entscheidend sei eine realistische Betrachtung mit einer Bestandsaufnahme, der Benennung von Schwachstellen und einem kontinuierlichen Veränderungsprozess. 

In manchen Wirtschaftszweigen wie der Chemiebranche sei eine solche Umkehr schwierig. „Aber lieber kleine Schritte als gar keine“, so der Wirtschafts- und Umweltwissenschaftler. Ganz wichtig sei es, Glaubwürdigkeit herzustellen statt Greenwashing zu betreiben. Um einen solchen Prozess in Gang zu bringen, müsse man auf der Managementebene ansetzen und die Manager als Motivatoren für das gesamte Team begreifen. 
 

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Autorin

Julia Bathelt


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